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Kaya, der Hund oder Der Likud – Von Vladimir Jabotinsky über Menachem Begin und Benjamin Netanjahu zu Yair Netanjahu

© Tourismusministerium, www.goisrael.de, images.de/Varda
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Israel, Jerusalem, 2006-11-05, Das Gebäude der Knesset, des israelischen Parlaments © Tourismusministerium, www.goisrael.de © images.de/Varda (Israel, Jerusalem, 2006-11-05,The Knesset, House of the Israeli Parliament)

Tel Aviv, Israel (Jüdische Welt). Das Spektakel ist fast bizarr: eine politische Partei weigert sich, neue Mitglieder aufzunehmen. Und nicht nur ein paar Individuen, sondern zehntausende. Und nicht nur irgendeine Partei, sondern der Likud („Vereinigung“), die Hauptkraft in Israels Regierungskoalition.

Seltsam? Doch in diesem Wahnsinn liegt Methode. Sie mag bald vor Israels Oberstes Gericht kommen.

Die gegenwärtigen Führer der Partei, Benjamin Netanjahu und seine Genossen fürchten, dass die Leute, die sich jetzt bemühen, sich als Likud-Mitglieder zu registrieren, wirklich Siedler in den besetzten Gebieten sind. Sie wollen den Likud übernehmen, während sie tatsächlich ihren eigenen Parteien gegenüber treu bleiben, die sogar noch extremistischer sind.

Einer der jetzigen Likud-Mitglieder der Knesset hat eine Gesetzesvorlage eingereicht, die einzigartig in der Welt sein mag. Es bedeutet, die Möglichkeit entgegen zu halten, dass diese neuen Likud-Mitglieder bei den allgemeinen Wahlen nicht den Likud wählen. Um diese Möglichkeit unmöglich zu machen, sagt die Gesetzesvorlage, dass wenn ein neues Mitglied sich in der Likud-Partei anmeldet, ihre Namen von der allgemeinen Wahlliste gestrichen und sie eingetragen werden, als hätten sie den Likud gewählt.

Dies ist offenkundig nicht verfassungsmäßig, da es die Geheimhaltung der Wahl leugnet. Der Rechtsberater der Knesset wird dies wahrscheinlich blockieren. Falls nicht, wird es zum Obersten Gericht gehen.

Dies alles zeigt, dass der Likud ein seltsamer Vogel ist. Und nicht erst seit heute.

Vor einigen Jahren kam ein führender französischer Journalist während der israelischen Wahlkampagne zu mir. Ich wies ihn an, eine Wahlkundgebung von Menachem Begin zu besuchen.

Als er zurückkam, war er verblüfft. „Ich versteh dies nicht“, erklärte er. „Als er über die Araber sprach, klang er wie ein fanatischer Faschist. Als er über soziale Angelegenheiten sprach, klang er wie ein moderater Liberaler. Wie passt das zusammen?

„Begin ist kein großer Denker“, erklärte ich ihm. „Die ganze Ideologie des Likud geht auf Vladimir Jabotinsky zurück.“

Vladimir (oder Zeev) Jabotinsky war der Gründer der „revisionistischen“ Partei, der Stammvater der Herut-Partei, die wiederum der Stammvater der heutigen Likud ist. Er wurde in 1880 in Odessa in der Ukraine geboren. Als junger Mensch wurde er als Journalist nach Italien geschickt, einem Land, das nicht lange zuvor seine Freiheit erlangte.

Die italienische Befreiungsbewegung war eine ungewöhnliche Mischung von extremem Patriotismus und liberalen sozialen Ideen. Dies legte die politische Auffassung des jungen Jabotinsky für sein Leben fest.

Er war eine faszinierende Persönlichkeit, auf vielen Gebieten außerordentlich begabt. Er schrieb eine Novelle (über den biblischen Held Samson), übersetzte Edgar Allen Poes Gedichte ins Hebräische, war ein brillanter Redner und ein begabter Journalist, er schrieb Lieder und vieles mehr. Im 1. Weltkrieg half er jüdische Bataillone in der britischen Armee zu gründen und war ein junger Offizier bei der Eroberung Palästinas.

Ein paar Jahre später teilten die Briten Palästina und errichteten das separate arabische Emirat von Transjordanien. Jabotinsky war dagegen und schuf die ultra-zionistische „revisionistische Partei“, die die „Revision“ dieser Entscheidung forderte.

Jabotinsky verabscheute die mürrischen, sozialistischen „Pioniere“, die die zionistische Gemeinde in Palästina dominierten und die ihn hassten. Ich vermute, dass er nicht unglücklich war, als die Briten ihn aus dem Lande warfen. David Ben-Gurion nannte ihn einen „Faschisten“ – obwohl er als Italien-Verehrer Benito Mussolini hasste.

Während jener Jahre war Jabotinsky ein Agitator, der in der Welt herumreiste und der einen wöchentlichen Artikel schrieb, den ich mit Hingabe las. Ich bewunderte seinen klaren, logischen Stil. Seine Bewegung wuchs in mehreren Ländern, besonders in Polen.

In Palästina blieb Jabotinskys revisionistische Bewegung eine kleine und abgelehnte Minderheit. Doch als gewalttätige jüdisch-arabische Kollisionen ausbrachen, schuf seine Bewegung den Irgun, eine bewaffnete Untergrundorganisation. Jabotinsky war dem Namen nach ihr Kommandeur. Vor allem wegen ihm schloss ich mich ihr an, als ich kaum 15 Jahre alt war.

Anfang 1939 versammelten sich Jabotinskys Anhänger aus aller Welt in Warschau. Die Kriegswolken zogen schon auf, aber Jabotinsky behauptete, ein Krieg sei unmöglich – die modernen Waffen wären zu mörderisch. Als einer seiner polnischen Anhänger, ein Jugendlicher mit Namen Menachem Begin, ihm zu widersprechen wagte, antwortete der Führer ätzend: „Herr, wenn ich eure Überzeugung hätte, würde ich in die Weichsel springen.“

Doch der 2. Weltkrieg brach tatsächlich aus. Jabotinsky floh in die USA, wo er plötzlich an einem Herzanfall starb. Begin, der nicht in den Fluss sprang, erreichte schließlich Palästina und wurde zum Kommandeur der Irgun ernannt, die eine der erfolgreichsten terroristischen Organisationen der Welt wurde.

Als der Staat Israel geboren wurde, wurde Begin der Führer der Opposition und Verfechter der Demokratie. Er verwarf die „revisionistische“ Partei und schuf seine eigene Herut-(„Freiheit“)Partei, an deren Spitze er acht auf einander folgende Wahl-Kampagnen verlor.

Als er schließlich 1977 an die Macht kam, überraschte er die Welt, indem er mit Ägypten, dem mächtigsten arabischen Land, Frieden schloss. Ich war gar nicht überrascht.

Begin war keine so brillante Persönlichkeit wie Jabotinsky. Er folgte seinem Herrn äußerst gewissenhaft. Jabotinskys Ideologie war eine Landkarte: „Eretz Israel auf beiden Seiten des Jordan“. Die Karte schloss die Sinai-Halbinsel nicht ein. Deshalb hatte Begin keine Bedenken, sie an Ägypten zurück zu geben. (Sie schloss auch die Golanhöhen nicht mit ein, die Begin ohne zu zögern an Syrien zurückgegeben hätte).

Mit der Zeit vergaß Begin und seine Nachfolger das Land jenseits des Jordan. Sie sangen zwar noch das von Jabotinsky gedichtete Lied („der Jordan hat zwei Ufer – das eine gehört uns und das andere auch“), aber Realpolitik ist stärker als Lieder. Das Königreich Jordanien ist jetzt eines von Israels bedeutendsten Verbündeten, und Israel hat es mehrere Male vor der Auslöschung bewahrt.

Doch die Behauptung, dass Jordanien – wie die Westbank – ein Teil des jüdischen Staates sein muss, erscheint markant im Programm der Likud-Partei. Jeder hatte dies seit langem vergessen – bis auf diese Woche.

Benjamin Netanjahus Mitarbeiter, die darum kämpfen, dass die „neuen Antragsteller“ nicht Mitglieder ihrer Partei werden, verlangen, dass sie die volle Akzeptanz aller Teile des offiziellen Likud-Programmes erklären – einschließlich der Forderung, dass Jordanien ein Teil Israels wird.

Was die Persönlichkeit betrifft, so liegt Netanjahu weit hinter Begin, wie Begin weit hinter Jabotinsky liegt. Es gab bei Begin nicht einen Hauch eines persönlichen Fehlverhaltens. Er war für seinen bescheidenen Lebensstandard bekannt. Netanjahu ist von einem starken Geruch von Korruption umgeben. Mehrere Ermittlungen gegen ihn und seine Frau Sarah laufen und jede könnte sie ins Gefängnis bringen.

Jabotinsky würde mit Abscheu auf ihn gesehen haben.

Doch…

Ein jüdischer Witz sagt über den Tod des reichen Mannes im Ghetto aus. Der Sitte nach muss ihn jemand loben und nur Gutes über ihn sagen. Es wurde keiner gefunden, der diese Pflicht erfüllen wollte. Schließlich meldete sich einer freiwillig.

„Wir wissen alle, dass Rabi Moshe eine widerliche Person war“, sagte er, „stinkreich, gemein und grausam. Aber verglichen mit seinem Sohn war er ein Engel!“

Etwas wie dies geschieht jetzt in Israel. Der Scheinwerfer weist auf Yair, Netanjahus 26-jährigen älteren Sohn.

„Bibi“ ist schon seit 12 (nicht auf einander folgenden) Jahren an der Macht und benimmt sich wie ein König. „Sarahle“, seine Frau, benimmt sich wie eine Königin in der Art wie Marie-Antoinette. Nach allgemeiner Redeweise ist Yair der „Kronprinz“.

Ein sehr unbändiger Prinz. Er lebt mit seinen Eltern in der offiziellen Residenz und benimmt sich wie ein verzogener Bengel. Ihn begleiten vom Staat bezahlte Leibwächter. Er hat keinen sichtbaren Beruf. Und während der letzten paar Tage ist er berühmt-berüchtigt geworden.

Wie Donald der Trump spuckt Yair im Internet beleidigende Kommentare in alle Richtungen. Zum Beispiel nennt er den „New Israel Fund“ eine Stiftung, die linke Gruppen unterstützt. Der „New Israel Fund für die Zerstörung von Israel“.

Die letzte Episode betrifft die städtische Verordnung, die Hundebesitzern anordnet, dass sie die Exkremente ihrer Tiere an öffentlichen Plätzen aufheben (und mitnehmen) sollen. Yair ging mit der königlichen Hündin spazieren, der jetzt berühmten Kaya, ohne ihre Exkremente von der Straße aufzuheben. Als eine Dame ihn anhielt und aufforderte, dem Gesetz zu folgen, machte er eine obszöne Geste – die die Dame rechtzeitig fotografierte.

Vier Generationen – Jabotinsky, Begin, Bibi, Yair – welch ein Unterschied!

Anmerkungen:

Der Beitrag von Uri Avnery vom 26. August 2017 wurde vom Englischen ins Deutsche von Ellen Rohlfs übersetzt. Die Übersetzung wurde vom Verfasser autorisiert. Unter www.uri-avnery.de erfolgte am 27. August 2017 die Erstveröffentlichung. Alle Rechte beim Autor.

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