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Paukenschlag einer Erstaufführung – Verdis “Jérusalem“ in der Oper Bonn

© Theater Bonn
JÉRUSALEM von GIUSEPPE VERDI MUSIKALISCHE LEITUNG: Will Humburg / REGIE: Francisco Negrin / BÜHNE: Paco Azorín / KOSTÜME: Domenico Franchi / VIDEO: Joan Rodón, Emilio Valenzuela Alcaraz / LICHT: Thomas Roscher Premiere am 31. Januar 2016, Opernhaus © Theater Bonn

Bonn, Deutschland (Jüdische Welt). Ein Opernlibretto, das einen Kreuzzug zum Gegenstand hat? Teilweise gespickt mit massiven Unfreundlichkeiten gegenüber der jeweils anderen Religion? Was heute vor dem Hintergrund politischer Korrektheit nur mit großen Vorbehalten durchsetzbar wäre, bereitete dem italienischen Librettisten Temistocle Solera Mitte des 19. Jahrhunderts kaum Kopfzerbrechen. Und auch nicht dem jungen Komponisten Giuseppe Verdi, der mit „I Lombardi“ einen neuen Fixstern an den Himmel seines bisherigen Opernschaffens heftete.

Doch eine Nachfrage der Pariser Oper ließ ihn noch einen Schritt weiter gehen. Mit Unterstützung der Librettisten Alphonse Royer und Gustave Baez übersetzte er das Werk gleichsam aus dem Italienischen ins Französische. Und verlieh ihm damit über weite Passagen eine neue musikalische Form, die unter dem Namen „Jérusalem“ den lang anhaltenden Erfolg dieser französischen Grande Opera begründete. Demgegenüber zeigte man sich in Deutschland über mehr als eineinhalb Jahrhunderte spröde gegenüber diesem Frühwerk Verdis, selbst wenn sich seine bekannteren musikalischen Meisterwerke darin längst ankündigten.

Aufbrausende Gefühle

Umso überraschender der Paukenschlag einer deutschen Erstaufführung, mit dem die Oper Bonn in ihrer Reihe über unbekannte Verdi-Opern das Werk soeben zutage förderte. Eine poetische und emotional anrührende Inszenierung von Francisco Negrin in Zusammenarbeit mit dem Theater ABAO Bilbao. Dabei vor allem ausgehend von dem Anliegen, selbst bei problematischem Stoff eine „visuell und physisch ergreifende Erfahrung“ zu schaffen, dazu geeignet, „das Publikum dieser Zeit zu berühren“. (Bühne: Paco Azorin, Kostüme: Domenico Franchi, Licht: Thomas Roscher, Video: Joan Rodón, Emilio Valenzuela Alcaraz)

An emotionalen Bezügen mangelt es dem Werk in der Tat nicht. Auf der politischen Ebene während der Eroberung Jerusalems ebenso wie auf der privaten Ebene der daran Beteiligten. Dabei in Schlüsselpositionen der Graf von Toulouse (Csaba Szegedi) als Heerführer des Ersten Kreuzzugs. Ebenso wie sein von Neid und Missgunst zerfressener Bruder Roger (Franz Hawlata). Ein skrupelloser Egoist, dessen kriminelle Machenschaften ihn jedoch einholen, bis er in leidvoll erfahrener später Reue daran zerbricht. Insgesamt ein Kaleidoskop impulsiv aufbrausender Gefühle, die wie musikalische Leuchtfeuer immer wieder neu aufflackern.

Innere Verbundenheit

Innerlich aufgewühlt ist auch Hélène, die Tochter des Grafen (Anna Princeva). Ebenso wie der ihr in Liebe verbundene Gaston als der Vicomte de Béarn (Sébastien Guèze). Ein überaus junges und liebreizendes Paar, das seine Romeo-und-Julia-Beziehung bei allen Irrungen und Wirrungen des Kreuzzugsgeschehens zwischen Toulouse und Jerusalem glaubwürdig aufrecht zu erhalten weiß. Und das in seiner inneren Verbundenheit einer von Roger angestrebten inzestuösen Onkel-Nichte-Beziehung eine klare Abfuhr erteilt.

So wie sie wissen auch die anderen Mitwirkenden stimmlich zu überzeugen. So Adhémar de Monteil als der Legat des Papstes (Priit Volmer), Isaure als die Vertraute von Hélène (Brigitte Jung), Raymond als Begleiter Gastons (Christian Georg), der Emir von Ramla (Giorgos Kanaris), dessen Offizier (Christian Specht) sowie der Herold (Egbert Herold) und der Soldat (Nicholas Probst). Großartig auch Chor und Extrachor des Theater Bonn (Einstudierung: Marco Medved), die in ihren Rollen als Kreuzritter, Sarazenen und Volk mit ständiger Bewegung das Bühnengeschehen beleben.

Musikalische Akzente

Die musikalische Leitung des Premierenabends obliegt Will Humburg, der, mit dem engagiert aufspielenden Beethoven Orchester Bonn bestens vertraut, die deutsche Erstaufführung mit sicherem Instinkt aus der Taufe hebt. Und dem dabei die Freude über diese Neuentdeckung deutlich anzumerken ist.

Davon lässt sich das Premierenpublikum gern anstecken, das in ausverkauftem Haus seiner Begeisterung mit lang anhaltendem Beifall in stehenden Ovationen Ausdruck verleiht. Und dadurch bestätigt, dass es sich durch das von Francisco Negrin intendierte Konzept einer visuell und physisch ergreifenden Erfahrung hat überzeugen lassen.

Weitere Aufführungen: 14. u. 27. Februar, 10., 18. u. 26. März, 02. u. 09. April 2016

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