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Sammlung bringt Wahrheit ans Licht – „Die Wohnung“ von Arnon Goldfinger im Berliner Filmkunst 66

© Foto: Andreas Hagemoser, 2015
© Foto: Andreas Hagemoser, 2015

Berlin, Deutschland (Jüdische Welt). Am Sonntag, den 20. März 2016, um 12.30 Uhr, wird der deutsch-israelische Dokumentarfilm „Die Wohnung“ aus dem Jahr 2011 noch einmal gezeigt. In Berlin-Charlottenburg in der Bleibtreustraße in einem Traditionskino, das einst auch Berlinalefilme aus dem Panorama zeigte. Eine seltene Gelegenheit, bleiben doch in unserer schnellebigen Zeit selbst aufwendig produzierte Spielfilme manchmal nur eine Woche im Kino. Das „Filmkunst 66“ verfügt über zwei Säle, am Donnerstag, den 17.3. gab es um 17.30 Uhr bereits eine ausverkaufte Vorführung im größeren Saal. Aufgrund des großen Interesses wurde kurzfristig für den kleineren Saal „66½“ am Wochenende eine Vorstellung anberaumt. Filmstart des 97-Minüters in der Bundesrepublik war der 14. Juni 2012. Als Erzähler, im Original Arnon Goldfinger selbst, hört man in der deutschen Version die Stimme des bekannten Schauspielers Axel Milberg.

Selbst wenn man den Film auf DVD ergattern könnte, ist eine Projektion auf die große Leinwand dem Anschauen auf einem elektrischen Bildschirm immer vorzuziehen. Elektrosmog gibt es zuhause schon genug und für die Augen ist ein Kinobesuch allemal besser; außerdem kommt man mal raus und bewegt den Körper, Kino hat also auch etwas mit Gesundheit zu tun.

Produzent, Drehbuchautor und Regisseur Arnon Goldfinger löst in Tel Aviv die Wohnung seiner Großmutter auf, die 98 Jahre alt wurde. Das tat er natürlich nicht allein, sondern mit seiner Mutter und anderen Verwandten, dementsprechend sehen wir Gidi, Hannah, Noam und Yair Goldfinger und Orit Goldfinger-Mendel neben Avrham Barkai, Meital Beili, Michael Adler, Rani Eisenberg und Yaron Amit in diesem Film. Michael, nicht Michal.

Gerda Tuchler lebte 70 Jahre mit ihrem Ehemann Kurt in dem Gebiet, das erst britisches Völkerbundsmandat Palästina war und heute der Staat Israel. Denn das Paar wanderte schon 1936 aus der Reichshauptstadt Berlin nach Palästina aus, wo man sie Jecken nannte nach der häufigen deutschen Männerkleidung Jackett bzw. Jacke. So entkam es dem Holocaust.

Eine Wohnungsauflösung ist schwer genug. Selbst von Kleidung und verschlissenen Handtüchern sich zu trennen, mag schwerfallen, wenn Erinnerungen damit verbunden sind. Aber alles kann man nicht aufbewahren, doch was ist mit Briefen und Photoalben? Sie bilden das Leben der Ahnen ab, kann man so etwas fortwerfen?

Doch diese Wohnung birgt anscheinend Verstörendes. In den Dokumenten und Hinterlassenschaften finden sich Hinweise, die den Verdacht erhärten, dass die Tuchlers eine Freundschaft mit Leopold von Mildensteins Familie pflegten. Natürlich werden auch bei Emigranten Kontakte in die Heimat aufrechterhalten. Doch Baron von Mildenstein war ein Offizier der SS. Warum diese Freundschaft, wo doch Hitlers NSDAP Antisemitismuspropaganda verbreitete?

Aus der Auflösung wird eine kriminalistische Rekonstruktion; Zeitzeugen werden befragt, von Mildensteins Tochter erhellt seine Karriere in der Partei. Er war Eichmanns Vorgänger.

Grund genug, genauer hinzuschauen. Akribisch werden alte Zeitungsartikel gelesen und Lichtbilder ausgewertet.

Leider gelingen trotz der Recherche nur wenige Antworten auf viele entstehende Fragen.

Doch sehenswert ist die kriminalistische Puzzlearbeit allemal – und allein der Kontrast zwischen dem sonnigen Badeort am Mittelmeer und einer mehr oder wenigen dunklen Vergangenheit ist reizvoll. Zudem existieren so viele Vorurteile und oberflächliche Meinungen über die Geschichte, die sich als ahistorisch herausstellen, dass Fakten in einem konkreten Fall wie diesem immer gute Mosaiksteine im Verständnis der Wahrheit sind.

* * *

„Die Wohnung“ von A. Goldfinger, So., 20.3.2016, 12.30 Uhr
Filmkunst 66, Bleibtreustraße 12, 10623 Berlin, S-Bahnhof Savignyplatz
Koproduzent: Thomas Kufus. dt. Verleih Edition Salzgeber
Musik: Yoni Rechter
Start: 5. September 2011 in Israel, 14. Juni 2012 in der Bundesrepublik Deutschland, 19. Oktober 2012 in den USA
Der Film wurde für den Adolf-Grimme-Preis und die Lola nominiert.
Er gewann über ein Dutzend Filmpreise, unter anderem als Bester Dokumentarfilm den Ophir, den Bayerischen Filmpreis, den Gilde-Preis der deutschen Arthouse-Kinos, in Minneapolis St. Paul und den David-E.-Stein-Award 2012 auf dem Toronto Jewish Film Festival. Er holte den FIPRESCI-Preis in Krakau, Preise beim Traverse City und Tribeca Film Festival, eine Lobende Erwähnung beim Doc Edge in Neuseeland und den Goldenen Warschauer Phönix beim Internationalen Filmfest Żydowskie Motywy (Jewish Motifs) im April 2013.
Arnon Goldfinger wurde als „Bester Regisseur eines Dokumentarfilms“ mit dem Jerusalem Film Festival Award ausgezeichnet.
Nirit Andermann berichtete im Februar 2015 in der Zeitung „Haaretz“, dass der Film Aufnahme ins Kurrikulum fand und in deutschen Schulen zu Unterrichtszwecken verwendet werden würde.

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