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Wovor hast du Angst? Der Musicalklassiker „Chicago“ wieder im Charlottenburger Theater des Westens

© Stage Entertainment. Foto: Jan Potente
© Stage Entertainment. Foto: Jan Potente
Pasquale Aleardi als Billy Flynn im Musical CHICAGO, Stuttgart, © Stage Entertainment. Foto: Jan Potente

Berlin, Deutschland (Jüdische Welt). Wenn sie über achtzehn sind, haben Sie „Chicago“ in Berlin vielleicht schon mal gesehen: 1999, oder 1988, auch an der Kantstraße. Worauf gründet sich sein Erfolg? Dass wir durch Presse und Shows geblendet werden, hat nicht an Aktualität verloren. Atomkraftwerke als saubere Energie zu „verkaufen“, Dieselmotoren mit weißen Tüchern und Westen in Verbindung zu bringen und Vorratsdatenspeicherung als „Sicherheit“ herüberzubringen, sind nur ein paar aktuelle Beispiele einer langen Tradition des Betrogenwerdens und Sich-Betrügen-Lassens.

Viel Gutes ist über das Musical zu hören – eine Mischung aus Liebe und Lüge, Eitelkeit und dem Streben nach Ruhm, Betrug und Verrat, Sex und Verbrechen, garniert mit heißem Jazz, Ragtime und Tanzszenen im Lebensgefühl der 20er Jahre. Also hier erstmal ein paar negative Eindrücke von einer der ersten Berliner Vorstellungen: zu Beginn der Vorführung wirkten manche Tänzer – und wer tanzt hier nicht? nur die Musiker! – zwar aufgewärmt und auch nicht steif, aber irgendwie noch nicht ganz im Stück drin, und auch die Ganzheit des Ensembles war nicht zu erkennen. Patzer gab es wohl nur wenige, aber man hatte das Gefühl, dass zwar jeder seinen Part spielt, damit aber noch so beschäftigt ist, dass sich das große Ganze dem Zuschauer nicht erschließt. Dazu tragen natürlich dann auch immer die winzigen Unzulänglichkeiten bei, die von dem einen oder anderen eben doch bemerkt werden. Die blonde Hauptdarstellerin hängt gleich am Anfang oben auf der Mitte einer Leiter, wo sie sich verkrampft festzuhalten scheint. Während sie perfekt singt, fragt man sich, ist das eine eckige Choreographie oder Höhenangst? Bei einer schön gedachten Szene in der Mitte des Stücks rutscht eine Schauspielerin wie von einem Treppengeländer – zu kontrolliert, um vollendet elegant zu wirken. Glück im Unglück: Der Beleuchter erwischt die schöne Darstellerin bei der Abwärtsbewegung nicht, was eigentlich Pech gewesen wäre, so aber blieb die etwas angespannte Übung dem Auge fast verborgen.

Wer einmal als Musiker auf der Bühne stand, weiß: Nicht jeder falsche Ton wird vom Publikum bemerkt. Und: Jedes Konzert ist eine sehr gute Probe, will heißen, so viel und so einprägsam wie bei einer echten Aufführung lernt man bei den Proben kaum. Nun aber genug des Herummäkelns, die meisten dieser Dinge geben sich nach ein, zwei Wochen Spielzeit und die sind inzwischen um. Das wird sich einspielen, gegen Ende des Stückes schienen die Mitwirkenden schon eher eine Einheit zu bilden und waren selbst begeistert von der mitreißenden Musik und der Bewegung.

Die neue Besetzung

Das gesamte Herrenensemble machte eine sehr gute Figur und sorgte von Anfang an für gute Laune: „Steptänzer“ Alan Byland, René Becker und Shane Landers, Matt Huet in der Rolle des Aaron, Matthieu Vinetot als Sergeant und Richter, Josh Donovan als Harry bzw. Geschworener und Luke Jarvis als Doktor. Die Damen standen ihnen kaum nach. Dirigent Jochen Kilian und seine hervorragenden Musiker sind die ganze Zeit unter Beobachtung des Publikums. Die sechs Hauptrollen übernahmen ein souveräner Nigel Casey als Starverteidiger Billy Flynn, Carien Keizer als Roxie Hart und Caroline Frank als Velma Kelly, beide so mörderisch gut, dass man sich nicht sattsehen konnte, ganz ähnlich bei Isabel Dörfler als Mama Morton. Bleibt Mary Sunshine zu erwähnen, die von Petersen gespielt wird, Vorname: V.

Last but not least: Wer hätte jemals einen besseren Loser gespielt als Volker Metzger in der Rolle des Amos Hart, der seiner Frau Roxie nichts abschlagen kann und die 5.000 Dollar für den Anwalt versucht zu bezahlen, obwohl ihn seine Frau nach Strich und Faden betrog und belog? In einem Solo mit Selbsterkenntnis erinnert er stark an die Hauptfigur des Udo Gries (gespielt von Kurt Krömer) in Markus Sehrs Spielfilm von 2011 „Eine Insel namens Udo“: Seine Mitmenschen nehmen ihn nicht wahr, übersehen ihn.

Ein goldener Ort

Charlottenburg liegt zentral, und das TdW (Theater des Westens) wie das KaDeWe (Kaufhaus des Westens) liegen wiederum zentral im Bezirk. Das liegt an der U- und S-Bahn, vor allem aber am Fernbahnhof Zoologischer Garten. Berlinkenner mit Halbwissen werden monieren, dass das Warenhaus im Gegensatz zum Theater in Schöneberg läge. Heute ist das richtig, doch bei Eröffnung des Kaufhauses 1907 lag es in der Königlich Preußischen Residenzstadt Charlottenburg, die sich östlich bis zum Nollendorfplatz erstreckte und etwa bis zum Lützowplatz. Gründer Adolf Jandorf hatte es auch extra für diesen Standort konzipiert, als Luxuswarenhaus in bester Lage am Wittenbergplatz in der Stadt Charlottenburg – der zu der Zeit reichsten Stadt Preußens. Er hatte sogar, damit sein eigener guter Name, der für eine Kette von einem halben Dutzend Ramschwarenhäusern stand, nicht einen Schatten auf das Preisniveau im Haus in der Nähe des Kurfürstendamms hätte werfen können, mehrere Vorkehrungen getroffen. Jandorfs Name sollte nicht direkt in Verbindung gebracht werden, die Vorbereitungen fanden mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und eine ganz neue Firma mit einem neuen Logo wurde geschaffen. Als er 1914 sein letztes Haus öffnete, auch in Charlottenburg in der Einkaufsmeile der Wilmersdorfer Straße, hieß es Kaufhaus Jandorf wie an den anderen Standorten in der Leipziger Straße oder am Belleallianceplatz auch.
Der „neue Westen“ (Berlins), der sich außerhalb der Reichshauptstadt befand, stand für die besten Cafés, die exklusivsten Geschäfte und – die beste Unterhaltung. Wer heute die wenigen nicht zerbombten Villen in der Fasanenstraße erlebt, zum Beispiel um das Literaturhaus mit den angrenzenden Galerien, erhält einen Eindruck davon, was hier baulich, gesellschaftlich und kulturell los war, auch und gerade wieder in den ‚roaring twenties‘. Einen besseren Veranstaltungsort könnte man sich also kaum vorstellen.

Bei den „Chicago“-Erstaufführungen ’88 in West-Berlin mag sich der eine oder andere Besucher gedacht haben, dass sich die Bezeichnung „… des Westens“ auf Berlin (West) bezöge, obwohl das Theatergebäude neben Delphi-Kino und „Gürteltier“-IHK offensichtlich ein prachtvoller Altbau ist. Dem „Neuen Westen“ hätten im Deutschen Reich noch weitere Goldene Zeiten bevorgestanden nach aller Wahrscheinlichkeit von Infrastruktur und Manpower. Keine andere deutsche Stadt außer Charlottenburg oder Berlin hätte Hauptstadt sein oder werden können. Der (Erste) Weltkrieg zerstörte neben vielen Menschenleben auch die Zukunft dieser Stadt. Nach dem Krieg dankte der Kaiser ab, Charlottenburg war keine Residenzstadt mehr und wurde unter SPD-Ägide nach Groß-Berlin in den heutigen Grenzen eingemeindet.

Klassiker von Kander & Ebb

Komponist John Harold Kander schrieb auch die Musicals „Cabaret“ und „Woman of the Year“, nach dem Film „Die Frau, von der man spricht“ von 1942. Kander komponiert seit 1957.

Sein erstes Musical war der 1962er Broadway-Hit „A Family Affair“ nach einem Buch von James und William Goldman mit Shelley Berman in der männlichen Hauptrolle, einem gebürtigen Chicagoer, und Eileen Heckart in der weiblichen. Die Familienaffäre spielt auch in Chicago, allerdings nicht in der Innenstadt, sondern in den Vororten, den suburbs. Gerry Siegal und Sally Nathan sind ein junges Paar, das heiraten will. Die jüdische Mutter des Bräutigams, Tillie (Heckart), bestimmt die Hochzeitsvorbereitungen und plant etwas Großes in einem Country Club, während Alfie (Berman), der Onkel der Braut, sich eine stille Feier im kleinen Familienkreise wünscht. Nach vieler durch die Familien verursachten Aufregung, die fast das ganze Ereignis gefährdet, beschließt das junge Paar, eine ruhige Family Affair zu begehen.
Es sollte nicht nur sein Debüt sein, sondern auch die einzige Show, die er nicht zusammen mit Fred Ebb schrieb. Im selben Jahr wurde Kander und Ebb einander vorgestellt. Das Duo schrieb ein paar Lieder und dann ein Bühnenmusical: „Golden Gate“. Es wurde nie produziert. Allerdings überzeugte die Qualität den Produzenten Harold Prince derart, dass er ein Musical mit ihnen realisierte: „Flora, die rote Gefahr“. Liza Minelli gewann einen Tony damit, aber das Publikum blieb aus und die Show hielt sich nicht lange. Die nächste Zusammenarbeit war ein Erfolg: „Cabaret“ lief fast drei Jahre und räumte acht Tony Awards ab. „Chicago“ lief 1975-77 mit fast 1000 Vorstellungen in New York und 1996 als Revival, später dann u.a. in London und Wien.

Aus heutiger Sicht belegt „Chicago“ Silber unter den Top-100 der häufigsten am Broadway gegebenen Darbietungen; Gold geht an das „Phantom der Oper“, Bronze an „Cats“.

Chicago heute

Das Thema Frauen im Gefängnis ist bis zum heutigen Tage aktuell. Aus über 600 Einreichungen wurde in der Sparte ‚Fernsehdokumentationen‘ der Film „Dreamcatcher“ ausgewählt, eine rührend-menschliche BBC-Produktion über Frauen am Rande der Gesellschaft, die misshandelt und in Prostitution und Drogenkonsum gedrängt werden. Die TV-Doku wurde 2015 erstmals ausgestrahlt und für den begehrten Prix Europa nominiert. Die Hauptprotagonistin Brenda unterstützt Insassinnen und gefährdete Mädchen, die ständig mit einem Bein im Gefängnis stehen, herzig dabei, von der Gewalt, den Drogen und gefährlichen, unmenschlichen Arbeitsbedingungen wegzukommen.

Nicht jede Verurteilte hat eben wie in dem Glanz-Musical „Chicago“ das Geld und das Glück, durch Manipulation von Geschworenen straffrei auszugehen.
Sehenswert ist die Neuinszenierung des Dauerbrenners allemal.

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