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Die moralischste Armee

Alicia Vikander und Kit Harington in dem Film "Testament Of Youth". © Mars Distribution
Alicia Vikander und Kit Harington in dem Film "Testament Of Youth". © Mars Distribution

Tel Aviv, Israel (Jüdische Welt). Vor ein paar Tagen sah ich zufällig einen exzellenten britischen Film: „Das Testament der Jugend“, der sich auf die Memoiren der Vera Brittain gründete.

Vera erzählt ihre Geschichte, die Geschichte eines britischen Mädchens, das in einer bürgerlichen Familie ohne Ärger und Sorgen aufwuchs, als der 1. Weltkrieg dem Paradies ein Ende bereitete. Ihr Bruder, ihre Freunde und ihr Verlobter wurden einer nach dem Anderen im schrecklichen Schlamm Frankreichs getötet. Sie meldete sich als Krankenschwester nahe der Front und befasste sich mit Hunderten von Verletzten und Toten. Das empfindliche Mädchen vom Lande wurde zu einer abgehärteten Frau.

Die Szene, die mich am meisten rührte, geschah, als sie zu einer Baracke voll verwundeter Deutschen kommandiert wurde. Ein deutscher, nicht mehr ganz junger Offizier stirbt. In seinem Delirium sieht er seine Geliebte, fasst nach Veras Händen und flüstert: „Bist du es Klara?“ und Vera antwortet auf Deutsch: „Ich bin hier.“ Mit einem glücklichen Lächeln auf seinen Lippen stirbt der Deutsche.

Am Tag nach dem Krieg verlangte eine englische Volksmenge einen Frieden der Rache. Vera geht auf die Bühne und erzählt dieses Erlebnis. Die Menge wird still.

Der Film brachte mich zurück zu der Affäre mit Elor Azaria, dem Soldaten, der einen schwer Verletzten arabischen Angreifer, der hilflos am Boden liegt, tötete. Er ist vom Militärgericht scharf verurteilt worden, bekam aber nur eine lächerlich leichte Gefängnisstrafe von anderthalb Jahren. Sein nach Publizität grabschender Anwalt hat Berufung eingelegt.

Einen Verletzten oder einen gefangenen Feind zu töten, ist ein Kriegsverbrechen. Warum?

Für viele Leute ist dies ein Rätsel. Krieg ist das Reich des Tötens und der Zerstörung. Soldaten werden für das Töten ausgezeichnet. Warum ist das Töten eines verletzten Feindes plötzlich ein Verbrechen? Wie ist es möglich, über ein Gesetz des Krieges zu reden, wenn der Krieg selbst alle Gesetze bricht? Eine Armee, die ihre Soldaten trainiert, zu töten, wie kann sie von ihnen verlangen, Gnade zu zeigen?

Seit Beginn der Menschheit, ist Krieg eine menschliche Begebenheit gewesen. Es begann beim primitiven Stamm, der seine begrenzten Ressourcen von Nahrung von raubenden Nachbarn verteidigte. Ein toter Nachbar bedeutet mehr Nahrung.

Die Grenzen der Kriegsverwüstung wurden in einem der furchtbarsten Konflikte in der Geschichte – dem 30-jährigen Krieg (1618-1648) – festgelegt. Sein Hauptschlachtfeld war Deutschland – ein flaches Land mitten in Europa ohne natürliche wehrhafte Grenzen. Fremde Armeen drangen von allen Seiten ein, um sich untereinander zu bekämpfen. Armeen verwüsteten ganze Städte, töteten, vergewaltigten und plünderten.

Er begann als Religionskrieg, wurde aber ein Krieg um Vormacht und Gewinn.

Millionen starben. Am Ende waren 2/3 von Deutschland verwüstet, 1/3 der deutschen Bevölkerung ausgelöscht. Eines der Ergebnisse war, dass die Deutschen, denen jede natürliche, zu verteidigende Grenzen, wie Seen und Gebirge fehlten, eine künstliche Grenze schufen: eine mächtige Armee. Es war der Beginn des deutschen Militarismus, der seinen Höhepunkt im Nazi-Wahnsinn hatte.

Humanisten, die Zeugen der Gräueltaten des Dreißigjährigen Krieges waren, dachten über Wege nach, um die Kriege zu begrenzen und eine Grundlage eines internationalen Gesetzes zu schaffen. Der hervorragende Befürworter war der Holländer Hugo de Groot („Grotius“), der Gründer der Kriegsregeln.

Wie kann ein Krieg begrenzt werden? Wie können Waffen „rein“ sein, wenn ihr Hauptzweck das Töten und Zerstören ist? Grotius legte dem ein einfaches Prinzip zu Grunde: Nichts kann getan werden, um die Mittel und die nötige Praxis zu begrenzen und um einen Krieg zu gewinnen. Keine Armee wird solche Begrenzungen respektieren.

Aber im Krieg geschehen Dinge, die nichts mit einem Sieg zu tun haben. Getötete Zivilisten, Gefangene und die Verletzten tragen nichts zum Sieg bei. Ihr Leben ist für alle Seiten gut. Wenn ich das Leben von gefangenen, feindlichen Soldaten schone, und der Feind das Leben meiner eigenen Soldaten, die gefangen werden, dann gewinnt jeder.

Auf diese Weise sind die modernen Kriegsgesetze nicht nur moralisch und human, sie sind auch sensibel. Alle zivilisierten Nationen halten sie ein. Sie zu brechen, ist ein Verbrechen.

Anfangs verbat das Gesetz das Töten der Gefangenen und Verletzten, und es galt nur für uniformierte Soldaten. Aber in den letzten Generationen wurde die Grenze zwischen uniformierten Soldaten und kämpfenden Zivilisten immer weiter nach unten geregelt. Guerillas, Partisanen, Untergrundkämpfer, Terroristen sind ein Teil der anerkannten Kriegsführung. Das Internationale Gesetz wurde erweitert, um auch diese mit einzuschließen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Terroristen und einem Freiheitskämpfer? Ich bin stolz, dass ich vor langer Zeit die einzige wissenschaftliche Formel entdeckt habe: „Freiheitskämpfer sind auf meiner Seite, Terroristen sind auf der anderen Seite“.

So kommen wir zurück zu Elor Azaria, einen neutralisierten, feindlichen Verwundeten zu töten, ist ein Kriegsverbrechen, ganz einfach. Verwundete „Terroristen“ müssen medizinisch behandelt werden. Sie sind keine Feinde mehr, sie sind verletzte Menschen. Wie der sterbende Deutsche in dem Film.

Sarah Netanjahu, die weithin unpopuläre Gattin unseres Ministerpräsidenten, sagte kürzlich in einem Interview: „Ich glaube, dass die israelische Armee die moralischste Armee in der Welt ist.“

Sie zitierte nur einen israelischen „Glaubensartikel“, der endlos in allen israelischen Medien, Schulen und politischen Reden wiederholt wird.

Einige mögen denken, dass eine „moralische Armee“ ein Oxymoron ist. Armeen sind von Natur aus unmoralisch. Armeen sind dazu da, Krieg zu führen und der Krieg ist von Grund auf unmoralisch.

Man mag sich fragen, wie der Krieg all die Jahrtausende überlebt hat. Die Humanität hat einen enormen Fortschritt auf allen Feldern gemacht, doch der Krieg hat angedauert. Es scheint, dass er zu tief in der menschlichen Natur und der menschlichen Gesellschaft verwurzelt ist.

Wenn zwei Bürger sich streiten, ist es ihnen nicht mehr erlaubt, einander zu töten. Sie müssen vor Gericht gehen und das Urteil akzeptieren, das sich auf ein Gesetz gründet, das alle akzeptieren. Der gesunde Menschenverstand würde sagen, dass dasselbe auch bei Nationen gelten sollte. Wenn zwei Staaten einen Streit haben, sollten sie zum Internationalen Gericht gehen und sein Urteil friedlich erfüllen.

Wie weit sind wir von solch einer Realität entfernt? Jahrhunderte? Millionen Jahre? Eine Ewigkeit?

Im 17. Jahrhundert wurde Krieg von Söldnern geführt, die um Gewinn kämpften. Manchmal wechselten Regimenter auf dem Schlachtfeld die Seiten. Soldaten plünderten. Die „ Belagerung von Magdeburg“ während des 30-jährigen Krieges lebt in der deutschen Geschichte bis auf diesen Tag Es war eine Orgie des Plünderns, Tötens, der Vergewaltigung in jener Stadt südwestlich von Berlin.

Ein Jahrhundert später wurde Krieg von professionellen nationalen Armeen geführt und wurden ein wenig zivilisierter. Die Kriege von Ludwig 16. und Friedrich dem Großen ließen die zivile Bevölkerung weithin unbehelligt.

Mit der Französischen Revolution kamen die modernen Massenarmeen auf. Allgemeiner Wehrdienst wurde zur Regel und ist es noch immer – in Israel und einigen andern Ländern – rechtskräftig.

Wehrdienst bedeutet, dass fast jeder Seite an Seite dient – der Gute und der Böse, der Normale und der Lasterhafte. Ich habe wohlerzogene Söhne aus „guten Familien“ gesehen, die schreckliche Kriegsverbrechen begingen. Als ich sie ein paar Jahre später traf, waren sie gesetzestreue Bürger, stolze Väter von Familien.

Meine eigene Beobachtung war, dass wenn in einer ordentlichen Truppe ein paar stabile, moralische Soldaten mit ein paar schlechten Äpfeln dienen und die Mehrheit der Soldaten in der Mitte dienen, gibt es eine Chance, dass die besseren den Ton angeben.

Doch gibt es auch die Möglichkeit, dass die Besseren sich den andern angleichen und am Ende ist der ganze Haufen entmenschlicht. Das ist ein gutes Argument für Wehrdienstverweigerer.

Ich muss zugeben, dass ich bei diesem Problem hin und her gerissen bin. Einerseits würde ich gern moralisch gesunde Männer und Frauen beim Militär haben, dass sie ihren Dienst tun und ihre Einheit beeinflussen. Andrerseits bin ich mit denen tief verbunden, die dem Ruf ihres Gewissens folgen und den Preis zahlen – drei Mädchen sind jetzt im Militärgefängnis.

Wenn ich einen Soldaten sehe, der einen verletzten Feind kaltblütig erschießt, frage ich mich: Wer sind seine Eltern? In welcher Familie ist er aufgewachsen? Wer sind seine Kommandeure?

Die größere Schuld muss man den Offizieren geben, vom Kompanieführer aufwärts bis zum Front-Kommandeur. In einer Armee müssen immer die Kommandeure die Hauptverantwortung tragen. Alles hängt von den moralischen Standards ab, die sie

Ihren Untergeordneten einschärfen. Denen gebe ich als erstes und vor allem die Schuld.

Direkt zu Beginn dieser Affäre schlug ich für Azaria eine harsche Gefängnisstrafe vor, damit es alle sehen. Dann würde ich ihn begnadigen – aber nur unter der Bedingung, dass er öffentlich sein Verbrechen zugibt und um Vergebung bittet. Bis jetzt hat er sich geweigert, dies zu tun. Er sonnt sich selbst im Schein seines Status als Held gegenüber Teilen der Bevölkerung wie z.B. seinen Eltern, die sich ihrer öffentlichen Publizität erfreuen.

Wie moralisch ist also die israelische Armee?

Noch bevor der Staat Israel gegründet wurde, war die Untergrundorganisation (die Hagana), die ihre Basis bildete, stolz auf ihre Moral. „Die Reinheit der hebräischen Waffen“ war der Slogan damals so wie heute. Es war damals so wahr wie es heute ist, aber es schuf den Glauben an „die moralischste Armee der Welt.“

Aber so etwas wie eine moralische Armee gibt es nicht. Leider sind Armeen in dieser Welt nötig. Aber ihre Moral ist immer fragwürdig.

Wenn ich unsere Armee einstufen sollte, würde ich vermuten, dass sie moralischer ist als die russische Armee und weniger moralisch ist als – sagen wir mal so – als die Schweizer Armee.

Die einzige völlig moralische Armee ist die Armee, die keine Kriege führt.

Anmerkungen:

Vorstehender Beitrag von Uri Avnery wurde ins Deutsche von Ellen Rohlfs übersetzt. Die Übersetzung wurde vom Verfasser autorisiert. Unter www.uri-avnery.de erfolgte am 29.03.2017 die Erstveröffentlichung. Alle Rechte beim Autor.

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