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Geblendet in Gaza – Das Töten im Gazastreifen

Uri Avnery
Uri Avnery © Uri Avnery

Tel Aviv, Israel (Jüdische Welt). Notieren Sie: Ich, Uri Avnery, Soldat Nummer 44410 der israelischen Armee, distanziere mich hiermit von den Scharfschützen der Armee, die unbewaffnete Demonstranten am Gazastreifen ermorden, ebenso von ihren Befehlshaber bis hinauf zum Oberbefehlshaber.

Wir gehören nicht derselben Armee oder demselben Staat an. Wir gehören sogar kaum zur selben Menschenrasse.

Begeht meine Regierung „Kriegsverbrechen“ an der Grenze zum Gazastreifen?

Ich weiß es nicht. Ich bin kein Jurist.

Die Beamten des Internationalen Strafgerichtshofes glauben anscheinend, dass das Handeln unserer Soldaten Kriegsverbrechen darstellten. Sie fordern eine internationale Untersuchung.

Um das zu verhindern, bietet unser Armee-Kommando eine Untersuchung durch das israelische Militär an. Das ist offenkundig lächerlich: eine Armee, die ihre eigenen, auf direkte Befehle des Stabschefs begangenen Taten untersucht.

Wie zuvor öffentlich bekannt gegeben, wurden entlang des Grenzzauns Scharfschützen postiert, die die „Rädelsführer“ der unbewaffneten Demonstranten auf der anderen Seite des Zauns töten sollten. Die Führung in Gaza hat angekündigt, dass diese unbewaffneten Proteste bis zum Naqba-Gedenktag jede Woche nach dem Freitagsgebet stattfinden sollen.

An den beiden ersten Freitagen erschossen die Scharfschützen 29 Unbewaffnete und verwundeten tausend.

Für mich ist das keine juristische Frage. Es ist ein Verbrechen, nicht nur an den unbewaffneten Demonstranten. Es ist auch ein Verbrechen am Staat Israel, an den Menschen Israels und an der israelischen Armee.

Da ich am Tag ihrer Gründung der Armee angehörte, denke ich, dass es auch ein Verbrechen an meinen Kameraden und mir ist.

In dieser Woche haben viele in Israel ein kurzes Video gesehen, das ein Soldat während einer solchen Aktion aufgenommen hat.

Es zeigt die Aktion aus dem Blickwinkel eines Soldaten, der offensichtlich in der Nähe eines Scharfschützen stand. Der Scharfschütze sieht die Demonstranten aus einer Entfernung von Hunderten von Metern. Seine Visierlinie bewegt sich zufällig, dann richtet sie sich auf einen Einzelnen. Er schießt. Der Mann fällt sofort zu Boden.

Der fröhliche Schrei „Jesch“ ertönt von allen Seiten, er kommt von im Video nicht sichtbaren Soldaten, die zugesehen haben. „Jesch“ bedeutet in diesem Fall so viel wie „erwischt“: Es ist ein Jubelschrei, wie er den Erfolg eines Jägers begleitet, der eben ein Kaninchen geschossen hat.

Inzwischen haben viele Hunderttausende Israelis diesen Film gesehen, denn er wurde zuerst im Fernsehen gezeigt. Außer ein paar Artikeln in Haaretz und in Briefen an den Herausgeber der Zeitung gab es keine Proteste.

Das ist nicht in irgendeiner entfernten Kolonie in Übersee passiert. Es ist ganz nahe bei uns passiert, 45 Autominuten von meinem Haus entfernt.

Der Totschläger ist kein hartgesottener Söldner. Er und die fröhlichen Soldaten um ihn herum sind gewöhnliche junge Leute, die wie die meisten jüdischen Israelis mit 18 Jahren eingezogen worden sind.

Sie alle „befolgen“ nur „Befehle“. (Erinnern Sie sich?) Wir haben von keinem einzigen Fall gehört, in dem ein Soldat den Befehl verweigert hätte.

Bis vor zwei Wochen habe ich unseren höchsten Offizier, den Stabschef Gadi Eizenkot, überaus geschätzt. Inmitten von bloßen Militärtechnikern erschien er mir als ein Offizier, der trotz seiner unmilitärischen Erscheinung durchaus in der Lage sei, die Würde der Armee gegen den Dreckskerl, der als Verteidigungsminister dient, hochzuhalten.

Jetzt nicht mehr. Eizenkot hat die mörderischen Befehle gegeben. Warum um Himmels willen?

Ebenso wenig wie die Briten in Indien und die weißen Rassisten in den USA weiß die israelische Regierung, wie sie mit unbewaffneten Protesten umgehen soll. Das ist ihnen noch nie passiert. In der arabischen Tradition gibt es das nicht.

Zufällig habe ich in dieser Woche den klassischen Film über Mahatma Gandhi gesehen. Die Briten haben alles versucht – sie schlugen ihn und Milliarden anderer zu Brei, sie erschossen Tausende. Als Gandhi und seine Anhänger diese Folter ertrugen und nicht zurückschlugen, gaben die Briten schließlich ihre Niederlage zu und zogen ab.

Ebenso die weißen rassistischen Gegner Martin Luther Kings in Alabama. Ein Palästinenser, der ein Anhänger Kings war, kam zu Beginn der Besetzung ins Land und versuchte seine Landsleute davon zu überzeugen, sie sollten diese Methode erproben. Aber wenn die israelische Armee das Feuer eröffnete, nahmen die Palästinenser den bewaffneten Kampf wieder auf.

Dieses Mal nicht. Die (sonst Gewalt anwendende) islamistische Hamas im Gazastreifen ruft die Bevölkerung auf, unbewaffnete Proteste zu erproben und Zehntausende folgen dem Aufruf. Das konnte zu unvorhergesehenen Ergebnissen führen. Eines davon ist, dass den Scharfschützen befohlen wurde, mehr oder weniger zufällig ihre Opfer zu wählen.

Als ich öffentlich bekannt gab, dass ich mich schäme, beschuldigte mich ein Leser der Heuchelei. Er zitierte aus meinen beiden Büchern über unseren Unabhängigkeitskrieg (1948), in denen ich Gräueltaten beschrieben habe, deren Zeuge ich geworden war.

Es stimmt, es gab Gräueltaten (wie in jedem Krieg). Die Täter waren Soldaten aus allen ethnischen und sozialen Gruppen. Aber von einigen ihrer Kameraden (auch die kamen aus allen ethnischen und sozialen Gruppen) wurden sie bloßgestellt. Die meisten Soldaten standen zwischen diesen beiden Gruppen und schlossen sich jeweils dem an, der sie am ehesten überzeugen konnte.

Jetzt ist es anders. Nicht nur, dass unbewaffnete Demonstranten, die weit vom Zaun entfernt waren, auf Befehl erschossen wurden, sondern es erheben sich keine Gegenstimmen. Das Militär und die politische Führung haben sich vereint. Selbst in der Zivilgesellschaft gibt es wenige Stimmen, die sich gegen den Massenmord erheben.

Wie reagieren Israels Medien? Ich weiß es nicht. Das für Israels Geschichte folgenschwere Ereignis wird fast gänzlich ignoriert.

Die Täter haben Glück: Es gibt so viele Ereignisse, die unsere Aufmerksamkeit von ihnen und ihren Aktionen ablenken. Präsident Baschar al-Assad hat chemische Waffen gegen seine Rebellen eingesetzt. Die israelischen Medien feiern das: Wie schrecklich! Wie barbarisch! Wie arabisch!

Und dann haben wir das Problem der 36.000 „illegalen“ (das heißt: nicht jüdischen) afrikanischen Arbeiter, die in Israel eingedrungen sind. Die Regierung will sie rauswerfen. Anständige Israelis bemühen sich darum, das zu verhindern. Das ist eine Ganztagsbeschäftigung. Keine Zeit für den Gazastreifen.

Und dann ist da natürlich der Holocaust-Gedenktag, der passenderweise in dieser Woche stattfindet. Da kann man ohne Ende über dieses schreckliche Kapitel in unserer Geschichte schreiben. Was ist, mit diesem schrecklichen Ereignis verglichen, schon Gaza?

Wie steht es mit unseren Medien?

Die besorgniserregende Tatsache ist, dass sich die israelischen Medien in das zurückverwandelt haben, was sie in den frühen Tagen des Staates waren: ein Werkzeug der Regierung. Mein Nachrichtenmagazin brauchte Dutzende Jahre, um diese Gewohnheit zu durchbrechen. Viele Jahre lang hatten wir eine anständige Presse mit einigen wunderbaren Journalisten und Radiomachern.

Jetzt nicht mehr. Einige wenige sind übrig geblieben, aber die große Mehrheit der Presse ist jetzt mit dem Regime koordiniert („gleichgeschaltet“). Zwei Minuten über Gaza. 20 Minuten über das, was in Syrien geschieht. 10 Minuten über den jüngsten (eingebildeten) Ausbruch von Antisemitismus in der britischen Labor Party.

Die meisten Journalisten und Radiomacher, die alle ehrliche und wohlmeinende Leute sind, sind sich nicht einmal dessen, was sie tun (und nicht tun), bewusst . Sie sind anderen Gedanken als ihren eigenen gegenüber völlig ahnungslos.

Wo ist die „Linke“? Wo ist die sogenannte „Mitte“?

Sie sind nicht verschwunden, wie viele klagen. Weit entfernt. Eine Verlagerung von wenigen Prozent oder eine Bewegung einer der kleinen Parteien würde genügen, um Benjamin Netanjahu zu stürzen.

Aber sie alle sind wie gelähmt. Keiner wagt es, sich gegen das Töten auszusprechen, nur einige flüstern hinter vorgehaltener Hand. Selbst die vielen bewundernswerten Gruppen von jungen Leuten, die, jede auf einem besonderen Gebiet, gegen die Besetzung kämpfen, schweigen über das Töten in Gaza.

Keine Massendemonstrationen. Keine großen Proteste. Nichts.

Darum sind auch wir schuld an dem, was geschieht. Und vielleicht mehr als andere.

Bitte notieren Sie: Ich bin schuldig!

Anmerkungen:

Vorstehender Beitrag von Uri Avnery wurde aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler übersetzt. Unter uri-avnery.de erfolgt am 18.4.2018 die Erstveröffentlichtung. Alle Rechte beim Autor.

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