Auch an Krisenherden wird gekocht oder „Israelisch kochen“

11
© Verlag Die Werkstatt

Berlin, Deutschland (Jüdische Welt). Denkt man an Israel in der Nacht, so ist man um den Schlaf gebracht. So oder anders, nämlich „auch an Krisenherden wird gekocht“, mag man formulieren, wenn es um Israel geht. Martin Krauß und Katrin Richter schreiben so, denn sie sammelten über 90 Rezepte, die in Israel gern gegessen werden würden. Doch wie Israelis der ersten Stunde kamen diese nach Palästina, wo die Palästinenser lebten, und brachten neben Hab und Gut auch ihre Gerichte mit.

In einem Buch, einem „Kochbuch“ (sic!), das den Untertitel „Gerichte und ihre Geschichte“ trägt, beginnt das Dilemma damit, dass die Autoren einen Mann aus dem Libanon zu Wort kommen lassen, der meint, dass Israelis auf Hummus, Falaffel und Tabule, die alle drei libanesische Spezialitäten seien, das Zeichen „Made in Israel“ backe und Israelis diese Marken besetzen würden „wie die Golanhöhen“ (S. 7).

Die Autoren sind der Meinung, dass dieses Streit um Marken so unappetitlich sei wie der, „ob es einen israelischen Staat“ geben dürfe. Keine Frage. Die Existenz Israels ist Fakt, „wenn auch bei einem Teil seiner Nachbarn nicht gern gesehen“. Bei einem Teil? Dieser Teil ist ziemlich groß, würde ich meinen. Palästina war kein Land ohne Volk. Dort lebten Palästinenser. Und die Juden sind kein Volk ohne Land. Die Gottesanbeter dieser Couleur drangen mit Feuerwasser und Feuerstöcken nach Palästina ein, raubten auch mit Perlen und Penunzen den Palästinensern, die dort lebten, das Land. Die Erfahrungen der Shoa ließen sie als Nakba den Palästinensern angedeihen.

Nach der widerrechtlichen wie widerwärtigen Gründung des Staates Israel folgte die Aufrüstung durch die USA, aber auch durch die BRD, hinzu kamen die Einwanderer. Wellen von Wanderern und Waffen wurden organisiert und in Israel abgesetzt. Alle mussten irgendwie auf Jude machen und Hebräisch lernen. Kochen konnten und dürften sie weiter wie zuhause in Arizona oder Sibirien.

Keine Frage: Israel ist ein Siedlerstaat, der sich als „Jüdischer Staat“ ausgibt und alle Nachbarn atomar bedroht. Israel ist ein kriegerischer Staat, eine militarisierte Gesellschaft, die Mauern baut, die länger und höher sind als die längst verschwundene Mauer, die Berlin in Ost und West teilte. Israel ist ein Besatzungsregime und auch das sieht man auf  Tischen und Tellern.

Befassen wir uns mit der Gesinnung der Autoren nicht weiter und gehen wir auf „Israelisch kochen“ und also das Kochen nach 1948 im israelisch besetzten Palästina ein, das nicht nur koscher ist, obwohl der Stempel Koscher auch auf Fast Food von McDonald`s zu finden ist. Auf den Seiten 58 bis 148 werden Salate, Vorspeisen, Suppen, Fleisch- und Fischgerichte, Gemüse sowie Desserts vorgestellt. Die einzelnen Speisen werden jedoch nur kurz vorgestellt, Zutaten werden genannt und die Zubereitung wird erläutert. Probieren Sie auch einmal „Zuccini Sushi“ oder „Obst-Borscht“ oder „Kohlrouladen. Einfach Holischkes, Holoptsches oder Gelupzes sagen und besser noch: hebräisch aussprechen – schwupps wird aus Kohlrouladen ein echt israelisches Gericht. Wenn das nicht Magie zum Mythos ist, was dann?

Lustig auch wie aus – seien wir großzügig und sagen – „jüdischer“ Küche mit dem Gericht „Gefillte Fisch“ durch die Autoren Richter und Krauß sowie den Verlag Die Werkstatt eine „israelische Speise“ wird.

Werden wir ernster und wünschen wir an dieser Stelle den Unterdrückten in Israel, besonders denen in den besetzten Gebieten, guten Appetit mit „Israelisch kochen“ und wenigstens die Zwei-Staaten-Lösung. Dann hätten wir Hummus, Falaffel und Tabule mit dem Etikett „Made in Palästina“ und bald das Buch „Palästinensisch kochen“.

* * *

Katrin Richter, Martin Krauß, Israelisch kochen, Reihe „Gerichte und ihre Geschichte“, Edition diá, 160 Seiten, Hardcover, A5-Format, Farbfotos auf acht Seiten, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2012, ISBN: 978-3-89533-875-5, Preis: 16,90 EUR (D)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here