Kleine Nervensäge großartig in einem Film von Nicola Alice Hens – „Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde“

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Das Plakat zum Film "Chichinette. Wie ich zufällig Spionin wurde" von Nicola Alice Hens. © missingFILMs

Berlin, Deutschland (Jüdische Welt). Die Deutsche Marthe Hoffnung ist Jüdin. Als die Truppen der Wehrmacht Frankreich im Frankreichfeldzug 1940 besiegen und besetzen, nachdem Frankreich und das Vereinigte Königreich von Großbritannien und so weiter dem Deutschen Reich den Krieg erklärten, dauerte es nicht lange, da musste sie, die am 13. April 1920 in Metz, Lothringen, geboren wurde, einen Judenstern tragen.

Der Bezirk Lothringen, Lothringen wurde geteilt, und auch Elsaß gehörten nach dem Frankfurter Frieden zum Deutschen Reich von 1871 bis 1918, wurden aber nach dem 1. Weltkrieg durch den Schandvertrag von Versailles abgetrennt. Lothringen und Elsaß waren mehrheitlich deutschsprachig und Landeshauptstadt des Reichslandes war Straßburg.

Metz war Jahrhunderte deutsch. Die Stadt war das Zentrum des merowingischen und des fränkischen Reichs und der Herkunftsort der Karolinger. Zwischen 1180 und 1210 wurde es Reichsstadt. 1552 besetzte der französische König Heinrich II. die Stadtrepublik, welche nach dem 30-jährigen Krieg beziehungsweise dem sogenannten Westfälischen Frieden 1648 dem Papier nach an Frankreich fiel. Die Merowinger als altes fränkisches Geschlecht sprachen Altfränkisch. Das war ein alter und im Grunde urgermanischer Dialekt, der besonders im Westen gesprochen wurde, aber auch in den römische Provinz Belgien und später Gallien.

Metz und Lothringen oder auch das Elsaß zu einem Teil Frankreichs zu verklären, das ist Geschichtsklitterung. Diese ewig deutschen Lande mit deutschsprachigen Leuten wurde erobert und besetzt. Die Deutschen wurden vertrieben oder assimiliert so gut es ging.

Marthe Hoffnung-Cohn in einer Szene des Films „Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde“. © missingFILMs

Diese Wahrheit wird im Film „Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde“ nicht nur verschwiegen, das wird umgedeutet. Das ist also nicht nur Lücke, das ist Lüge. Und diese Lüge verbreitet Marthe Hoffnung-Cohn alias Chichinette im gleichnamigen Film „Chichinette“ von Nicola Alice Hens, die verantwortlich für Buch und Regie ist, und der den Untertitel „Wie ich zufällig Spionin wurde“ trägt.

Dass Frankreich und das Vereinigte Königreich von Großbritannien und so weiter dem Deutschen Reich den Krieg erklärten, auch das wird verschwiegen. Die Gründe für den Frankreichfeldzug werden genau so wenig mitgeteilt wie ein Hinweis auf den Schandvertrag von Versailles gegeben, der die imperialen Herrscher in London und Paris die Türen öffnen sollten, um gegen Deutsche erneut in den Krieg ziehen zu können, um deren Staatsvolk zu dezimieren und deren Staatsgebiete zu zerkleinern und zu zerteilen, wie es die geopolitische und strategische Heartland-Theorie nach Halford Mackinder, die vom Empire umgesetzt wurde, vorsah.

Dass in dem Dokumentarfilm, der vorgibt, sich mit Geschichte zu befassen, historisch Wesentliches verschwiegen wird, das ist nicht nur fahrlässig, das ist ein törichter Fehler. Diese schwerwiegende Unaufrichtigkeit überdeckt die versuchte Erzählung über eine Deutsche aus und in Metz, die dort und anderswo mit einem gefälschten französischen Ausweis statt einem Judenstern, den auch ihre Familie von Staatsdienern unter (Reichs-)Kanzler Adolf Hitler, Mitglied der Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, zum Tragen bekam, als „Kleine Nervensäge“, einen Titel, den ihr Franzosen gaben, gegen Faschisten und Rassisten des Hitler-Regimes kämpft.

Mit Resten der jüdisch-orthodoxen Großfamilie flüchtet sie 1939 erst nach Poiters, dann 1943 nach Marseille. In dieser Zeit sterben viele Menschen, darunter ihr Verlobter und ihre Schwester.

Nach der Befreiung von Paris im August 1944, die einerseits ein Aufstand war, aber im Grunde eine kampflose Kapitulation durch Dietrich von Choltitz, Stadtkommandant von Paris, der die Lage auch nach den Streiks und sogar dem Generalstreik der Pariser als ausweglos erkannte, aber auch einen Waffenstillstand mit dem Widerstand aushandelte, wodurch ein Rückzug der Wehrmacht möglich war, will Marthe Hoffnung sich unter General Charles de Gaulle nützlich machen.

Sie kämpft in den letzten Monaten und Wochen des Krieges sogar als Spionin hinter den feindlichen Linien, weil ihre Muttersprache Deutsch ist. Doch als Deutsche mit einem neuen vom französischen Militärgeheimdienst ausgestellten Ausweis mit ausgedachter Identität, fällt sie unter Deutschen sowohl in der Schweizer Eidgenossenschaft als auch im Schwarzwald nicht auf. Stellungen und Verlegungen von Truppen kann sie an die Franzosen übermitteln. Die befreien nicht nur Paris, sie besetzen auch wieder Lothringen und Elsaß (bis heute), auch den Schwarzwald.

Nach dem Krieg arbeitet Marthe Hoffnung für die französische Besatzungsmacht, macht sich aber aus dem Staub, als ihr sich merkt, wie sie sich mit einer Deutschen befreundet und dabei selbst feststellt, wie deutsch sie eigentlich ist, und auf nach Französisch-Indochina. Auch sie, die längst im Großraum Los Angeles lebt, war eine Besatzerin und will es bis heute nicht wahrhaben. So ist das wohl: die Kriege der Sieger sind gut, die der Verlierer schlecht, die Besatzungen der einen richtig, die der anderen falsch. Doch auch in diesem aparten Mix aus Doku und Biopic wird verklärt, dass der Kleister tropft.

Vermutlich wollten die Filmemacher zu viel. Deswegen ist wohl weder das eine noch das andere gelungen. Eine kritisch-historische Biographie, bei der auch andere Zeitzeugen, Kenner und Kritiker zu Wort kommen hätten müssen, wäre besser gewesen. Einfach das Material, welches man an einigen Tagen über Monate zwischen Januar 2016 und September 2017 nach angeblich einem Monat Recherche im Mai 2015 dreht, nach Gutdünken zu schneiden, das ist Gutsherrenart auf die großartige Weise, auf die nette Tour, aber zu wenig und überhaupt nicht historisch-kritisch. Das ist schade für den Film, der im Oktober 2019 auf dem Haifa Film Festival seine Weltpremiere hatte.

Filmographische Angaben

  • Deutscher Titel: Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde
  • Staat: BRD
  • Jahr 2019
  • Buch und Regie: Nicola Alice Hens
  • Sprachen: Deutsch/Englisch mit deutschen Untertiteln
  • Produktion: Amos Geva Produktion
  • Koproduktion: dffb, Rundfunk Berlin-Brandenburg, Mérovée Film Production
  • Länge 86 Minuten
  • Kinostart BRD: 19. März 2020

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