Solidarische Geste britischer Juden zum Tag der Shoah – Protest gegen die Verfolgung Uigurischer Muslime

Proteste von Uiguren in Washington, VSA, im Juli 2009. Quelle: Wikimedia, CC BY-SA 2.0, Foto: Malcolm Brown

Wien, Österreich (Jüdische Welt). Führende Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft Grossbritanniens haben aus Anlass des Tags der Shoah („Holocaust Memorial Day“) am 27. Januar gegen die Verfolgung der chinesischen Uiguren protestiert. Die jüdischen Persönlichkeiten – namentlich Rabbiner und nach Grossbritannien emigrierte und geflohene Shoah-Überlebende sagten, Juden hätten die „moralische Autorität und die moralische Pflicht“ ihre Stimmen zu erheben. Marie van der Zyl, Präsidentin des Board of Deputies of British Jews (des Repräsentativorgans der britischen Juden), differenzierte: „Als Gemeinschaft zögern wir extrem, Holocaust-Vergleiche anzustellen“. Doch es gebe Parallelen zwischen den gegenwärtigen Vorgängen in China und den Geschehnissen in Nazideutschland in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie richtete einen Appell an den britischen Premier Boris Johnson, aktiv zu werden, denn die Menschenrechtsverletzungen an den Uiguren würden „immer mehr zu den empörendsten Vorgängen unserer Zeit“. Nie wieder dürfe die Zivilgesellschaft, dürfen Unternehmungen und Entscheidungsträger schweigen wie in den 1930er Jahren hiess es aus Menschenrechts-Kreisen.

Es gilt als Tatsache, dass China Hunderttausende von Angehörigen der islamischen Minderheit der Uiguren in „Umerziehungslager“ – offiziell „Zentren zur beruflichen Qualifizierung und Ausbildung“ – deportiert hat. Systematisch werden dort laut Berichten unter menschenunwürdigen Bedingungen Tradition, Sprache und Religion dieser Bevölkerungsgruppe ausgelöscht. In diesen Lagern gelangt laut Berichten ehemaliger Gefangener psychische und teils auch physische Folter zum Einsatz. Die in der „Uigurischen Autonomen Region Xinjang“, im Westen der Volksrepublik China, lebenden Uiguren sprechen nicht Mandarin, sondern eine Turksprache.

Umstrittene Shoah-Gedenkstätte in Westminster

Im Januar 2015 wurden Pläne für eine Shoah – Gedenk- und Forschungsstätte in Victoria Tower Gardens, im zentralen Londoner Stadtbezirk Westminster öffentlich gemacht, doch fünf Jahre später, im letzten Jahr kam es zu einer heftigen öffentlichen Debatte über die Realisierbarkeit des Projektes – über Standort, Erscheinungsbild, Kosten, ja selbst über dessen grundsätzliche Notwendigkeit. Doch die erschreckende Tatsache, dass in Grossbritannien einer von 20 erwachsenen Personen die Überzeugung vertritt, die Shoah habe niemals stattgefunden, ruft nach Ansicht vieler geradezu nach der Errichtung einer Gedenk- und Forschungsstätte zur Shoah. Dem (in einiger Beziehung heiklen) Standort Westminster wurde unter 50 alternativen Standorten der Vorzug gegeben. Die Architekten wurden bereits ausgewählt – der namhafte Ron Arad und die renommierte Landschafts-Gestaltungsfirma Porter&Bowman.

Unter anderem wurde die Nähe des geplanten Denkmals zum Parlamentsgebäude von Westminister kritisiert – dies könne als Selbstdarstellung der Briten als alleinige Retter der europäischen Juden interpretiert haben. Und dieser Mythos sei durch Jahrzehnte intensiver Forschung widerlegt worden. Doch einiges spricht für diesen Standort – unter anderem die Nähe zu den hier bereits placierten, berühmten Denkmälern, welche Befreiung und Emanzipation thematisieren: Rodins „The Burghers of Calais“, eine Statue der Suffragette Emmeline Pankhurst und das Buxton Memorial zum Gedenken an die Abschaffung der Sklaverei.  Kritiker geben aber zu bedenken, dass die schieren Dimensionen des geplanten Shoah-Denkmals die anderen Denkmaler gleichsam in den Schatten stellen könnte.

Im Februar 2020 erhielt das Projekt einen empfindlichen Rückschlag, als der Westminster City Council gegen die Pläne für das National Holocaust Memorial stimmte. Als Argument führte der Stadtrat von Westminister an, dass das Projekt den geltenden Vorschriften im Hinblick auf Dimensionen, Gestaltung sowie Standort widerspreche. Die Regierung habe Westminster fünf Jahre zuvor ohne entsprechende Konsultationen vor vollendete Tatsachen gestellt und in eine „üble Position versetzt“. Kritische Stimmen kamen unter anderem von der renommierten Institution „Historic England“, dem internationalen Rat für Monumente und Gedenkstätten (International Council on Monuments and Sites ICOMOS). Auch die Unesco hat Bedenken angemeldet – denn Victoria Tower Gardens ist ein denkmalgeschützter Park (Grade II listed) und bildet mit der Westminster Abbey und dem gotischen Parlamentsgebäude Teil eines Dreiecks, das als Unesco World Heritage Site klassifiziert ist. Die britische Regierung hält an dem Projekt weiterhin fest.

Anmerkung:

Vorstehender Artikel von Dr. Charles E. Ritterband wurde in TACHELES erstveröffentlicht.

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