Haifa im Juni 1976

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Blick über die Gärten der Bahai auf Haifa, die Stadt und den Hafen am Mittelmeer. Quelle: Pixabay, Foto: june rule

Haifa, Israel (Jüdische Welt). In Israel kann es manchmal etwas dauern, wenn man bei einer Bank etwas zu erledigen hat. Aber das kann auch sehr interessant werden.

Kaum hatten wir uns am Schalter zum Geldwechseln angestellt, wurden wir auch schon angesprochen. Einem älteren Herren mit weißem Haar war sofort aufgefallen, dass wir Deutsch sprachen. Er fragte, wo wir denn herkämen. Kaum hatte ich ‚Nürnberg’ geantwortet, begann auch schon eine angeregte Unterhaltung. Wir erfuhren, dass unser Gesprächspartner früher in Frankfurt am Main gelebt hat und Deutschland bereits 1933 als junger Mann verlassen hat. Er erzählte auch, dass viele seiner Verwandten und Freunde die Naziherrschaft nicht überlebt haben.

Als die Schlange am Schalter weiter vorrückte, gesellte sich eine alte Dame zu unserer Gesprächsrunde. Auch sie stammte aus Deutschland und wollte von uns einige aktuelle Dinge wissen, obwohl man merkte, dass sie bereits bestens über alles informiert war, was in Deutschland politisch und gesellschaftlich vorging. Völlig blockiert wurde der Betrieb in der Bank aber erst, als wir endlich bei der Kassiererin angelangt waren. ‚Natürlich’ war auch sie in Deutschland geboren, hatte einige Fragen an uns und eigenes zu erzählen. Unser Gespräch endete erst, als wir merkten, dass die Schlange hinter uns immer länger geworden war und zunehmend lautes Unmutsgebrummel uns daran erinnerte, dass wir in einer Bank waren und eigentlich nur schnell Geld wechseln wollten, nicht in den Hängenden Gärten der Bahai, dem Hort der Ruhe am Karmel.

Aber diese Unterhaltung blieb kein Einzelfall. Gerade die Alten kann man immer in Deutsch ansprechen. Jeder antwortet in Deutsch, ob es nun lupenrein muttersprachlich oder jiddisch eingefärbt ist. Wenn ich jemand kurz nach dem Weg oder der richtigen Busverbindung frage, kann ich sicher sein, dass ein kurzes Gespräch wie zuvor schon in der Bank oder auch mal eine lange ausgiebige Unterhaltung zustande kommt. Immer höre ich, wie froh sie sind, dass so viele junge Deutsche nach Israel kommen und dass ‚wir’ ganz anders seien (hoffentlich haben und behalten sie Recht!). Von irgendwelchen Resentiments erlebe ich nie etwas. Im Gegenteil. Das ist umso beschämender, da es sich hier um die Generation der Opfer handelt, die mich als jungen Deutschen mit Freundlichkeit und Herzlichkeit empfängt. Wenn ich da bei uns an die Generation der Täter denke, von denen viele nicht das Geringste dazugelernt haben und auch nicht wollen…

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