Irrungen, Wirrungen

Ski und Rodel gut in Graubünden. Quelle: Pixabay, Foto: Viola

Berlin, Deutschland (Jüdische Welt). So lautet der Titel eines Romans von Theodor Fontane (1888), den mein Vater, der in Berlin aufs Gymnasium ging, und dort eine solide Bildung in deutscher Kultur genoss, gerne zitierte – allerdings fälschlicherweise mit einem „und“ dazwischen. Zu meiner Zeit kannten Gymnasiasten allenfalls noch den Titel – den Roman selbst keiner je gelesen haben (ich natürlich auch nicht), es sei denn, er wurde dazu vom Deutschlehrer verknurrt. Inzwischen ist zwar jener Roman einer unstandesgemäßen Liebe längst anachronistisch geworden – dessen Titel aber höchst aktuell: „Irrungen und Wirrungen“ müsste man als Überschrift über das verwirrend ziellose Hin und Her so mancher Corona-Maßnahmen der internationalen Staatslenker setzen.

Es ist eine traurige Ironie: In China, wo offenbar die Seuche ihren Ursprung hatte, normalisiert sich inzwischen die Lage – und China ist weltweit die einzige große Volkswirtschaft, die in diesem Katastrophenjahr ein Wirtschaftswachstum verzeichnen konnte. Diktaturen tun sich leichter mit Desastern dieses Kalibers: Sie implementieren brutal harte Maßnahmen und setzen diese mit eiserner Konsequenz durch – oder sie lügen, was das Zeug hält und täuschen so über die wahren Verhältnisse hinweg. Demokratien haben es diesbezüglich wesentlich schwerer. Opposition, Medien, Skeptiker – alles muss irgendwie plausibel begründet werden und Eingriffe in die Freiheitsrechte haben verhältnismäßig zu sein.

Ähnlich wie ja hinten auf den österreichischen Autos nicht bieder „Ö“ sondern, weltläufig, „A“ steht, prangt auf den schweizerischen seit 1909 nicht etwa „S“ (das wäre dann ja Schweden), sondern „CH“, für „Confoederatio Helvetica“. Selbstironische Witzbolde (und sie haben in der Corona-Krise Hochkonjunktur) buchstabieren „CH“ allerdings als „Corona Hotspot“ – und nehmen wieder einmal den berüchtigten „Kantönligeist“ aufs Korn. Denn die Schweiz tut sich in diesem Jahr besonders schwer mit ihrem historisch gewachsenen Föderalismus: Eigentlich die große politische Stärke dieser dezentralisierten, in ihrer Vielfalt fein austarierten Nation – und nun plötzlich die verhängnisvolle Schwäche der Eidgenossenschaft. Der Zürcher Tagesanzeiger titelte kürzlich lakonisch: „Der Seuchenföderalismus ist gescheitert“. Was immer „Bern“ tut oder lässt, beschließt oder eben nicht – die Kantone, die hier ganz besonders ihre Souveränität spielen lassen, heulen auf, beschimpfen die Landesregierung, fluchen was das Zeug hält. Fast alle haben beispielsweise ihre Skigebiete geschlossen – der große Skikanton Graubünden mag auf das Weiße Gold so knapp vor Weihnachten nicht verzichten.

Anmerkung

Der Artikel von Dr. Charles E. Ritterband wurde in „Voralberger Nachrichten“ am 30.12.2020 erstveröffentlicht.

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